IMMAGO 

REAL  ESTATES

2010 • Kunstverein Artlantis, Bad Homburg

Einführungrede: Frau Ruth Bach-Damaskinos

Der Traum vom Eigenheim als Kunstform – Ausstellung im Kunstverein Bad Homburg (16.04 -16.05. 2010)

 

Architektur drückt primär das Grundbedürfnis der Menschen nach einer Behausung aus, nach einer festen und zugleich vor Wärme wie Kälte schützenden Umhüllung. In höher entwickelten Kulturen, gleich welcher Epoche oder Weltregion, sucht man sich über Architektur darzustellen. Wer wir sind, was wir gesellschaftlich erreicht haben, wird über die Gestaltung eines Hauses mitgeteilt. So wird aus der einfachen, Heimat bietenden Behausung eine künstlerische und gestalterische Äußerung des Menschen. Der Wirkung dieser Kunstgattung kann man sich – im Gegensatz zu Malerei und Skulptur – im Alltag nicht entziehen. Die zeitlose Frage nach der Bedeutung von Architektur für den Einzelnen, nach ihrer Außenwirkung sowie den äußeren und inneren Bedingungen, unter denen Bauten entstehen, steht seit vielen Jahren im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Heike und Helmuth Hahn. Mit ihren Objektarbeiten und Installationen reflektieren sie Wohnen als Ausdruck des modernen Menschen, zugleich spüren sie urbanen Situationen nach und untersuchen ihre Wirkung auf das Individuum.

 

Am Anfang ihres künstlerischen Schaffens stand zunächst eine Fragebogenaktion, bei der ähnlich einer soziologischen Studie, Personen unterschiedlichen Alters, beiderlei Geschlechts und aus den verschiedensten Berufssparten, mit detaillierten Fragen zu ihren Wohnwünschen konfrontiert wurden. Ausgangspunkt war für alle Teilnehmer die fiktiv zur Verfügung gestellte Summe von fünf Million Euro, mit der man frei von jeglichen Sachzwängen und ganz spielerisch seine Vorstellungen vom Eigenheim gedanklich umsetzen konnte. Ziel war es, jedem zu seinem ganz persönlichen Traumhaus zu verhelfen. Der Fantasie Ihrer Interviewpartner war dabei keine Grenze gesetzt – alles war möglich: Vom Schloss mit eigenem U-Bahn-Anschluss bis zur exotischen Insel mit Villa. Mit ihrer Fragebogenaktion schlüpften Heike und Helmuth Hahn in die Doppelrolle von Soziologen und Architekten. So flossen die Gesamtergebnisse zunächst in eine Statistik ein, die eine Widerspiegelung bundesdeutscher Wohnwünsche zu Beginn des neuen Jahrtausends darstellt. Auf einer zweiten Ebene wurde den Wünschen und Sehnsüchten nach einem Eigenheim eine künstlerische Gestalt gegeben. Eine Objektserie gab in Worten und Bildformeln die Vorstellungen der befragten Personen wieder. Damit ist die Basis für das Werkschaffen der Hahns genannt: Die Wünsche und Träume der Anderen sind das Rohmaterial ihrer künstlerischen Arbeit.

 

Anstoß für die Auseinandersetzung mit privaten Wohnträumen war für Heike und Helmuth Hahn die gemeinsame Arbeit in ihrer Bauschlosserei. Durch ihre Kundenkontakte kamen sie erstmals mit den Wünschen vom Traumhaus und den positiven wie negativen Begleitumständen eines privaten Hausbaus in Berührung. Ganz hautnah konnten sie dabei miterleben, wie existentiell und lebensbeherrschend solche Ideen sein können, wie viel Kraft und Anstrengung Menschen in ihre Realisierung setzen, und natürlich sahen sie auch, wie man damit scheitern kann.

 

Von dieser individuellen Sicht auf das Wohnen, die ganz am Anfang ihrer Kunst stand, hat sich das Künstlerpaar schon bald allgemeinen Fragestellungen von Architektur und Städteplanung zugewandt. Den Einfluss der Architektur auf die Umwelt thematisierten sie in weitläufigen Installationen aus Stahl, die unter Plexiglashauben isolierte Landschaftsfragmente zeigen als müsste sie die Umhüllung schützen. Häuser, Bäume, Wiesen, Straßen und Wege im Miniaturformat erscheinen hier wie Zeichen für den bebauten und von Menschen gestalteten Raum. Daneben konzipierten sie utopische Stadtlandschaften aus Betonpuzzleteilen, in denen neben allseits bekannten Bauten der Weltgeschichte wie dem Pariser Arc de Thriomphe oder dem Empire State Building aus New York Wohnhäuser standen. Bewusst erfolgte bei dieser Installation mit der Verwendung von Beton ein Rückgriff auf das wichtigste Material moderner Architektur. Es entstehen utopische Stadtlandschaften, Idealbilder europäischer Städte. Spielerisch lassen sich die Bauten zu Städten kombinieren, zu urbanen Situationen, die ganz nach Lust und Laune verwandelt und umgruppiert werden können und so den Vorstellungen des Betrachters freien Raum geben. Zielte die Fragebogenaktion auf die Gestaltung eines persönlichen Traumhauses ab, so werden hier aus Einzelgebäuden urbane Tableaus komponiert.

 

Waren individuelle, architektonische Ideen und städtebauliche Visionen die Grundlage für diese Objekt- und Installationsarbeiten, so wandten sich die beiden Künstler ab 2006 den ökonomischen und gesellschaftlichen Seiten des Bauens zu: Damals gründeten Heike und Helmuth Hahn ein fiktives Immobilienbüro. Über „Immago Real Estates“ kann man Anteile an einer Stadt erwerben, die aus kleinen, in Seife gegossenen Häusern besteht. Man kann einzelne Objekte, aber auch mehrere der Wohngebäude kaufen. Normiert wirken diese auf die einfachsten Grundformen reduzierten Häuser, deren Benennungen als Modell „Erika“ oder Haus „Noblesse“ Lebensstile bezeichnen und diese Vorstellungswelten zugleich ironisch zu kommentieren scheinen. Praktisch und konsumierbar sind auch die Ministädte, die in einem Kästchen aus Plexiglas angeboten werden und die der Käufer in einer papiernen, mit dem Firmensignet versehenen Einkaufstüte gleich mitnehmen kann – zum erschwinglichen Preis versteht sich. „Soap cities“ heißen diese Stadtmodelle im Miniaturformat, von denen keines mit dem anderen identisch ist und jedes sich doch immer wieder aus den gleichen Grundformen zusammensetzt: Mit aus Seife gegossenen normierten Gebäuden bestehend aus Kirchen, Hochhäusern, Reihenhäuschen, Fabriken, die ganz heiter in Bonbonfarben erscheinen, wird die Idealstadt zum Konsumgegenstand. Die serielle Herstellung, der erschwingliche Verkaufspreis und die praktische zugleich ästhetische Verpackung in einer Papiertüte für eine sofortige Mitnahme vermitteln Warencharakter und Vermarktungsstrategien, denen Architektur wie Kunst heute unterworfen sind.

 

Während „Immago Real Estates“ für den Verkauf der Häuser zuständig ist, werden über eine zweite fiktive Firma, „Archidom“, die als eine Art Forschungslabor fungiert, die verschiedenen Haus- und Wohnkonzepte erarbeitet. Um die Firmenrealität zu stärken wurde in einer Aktion eine Fotoserie von Orten und Plätzen aufgenommen, in die das Werbeschild von „Immago Real Estates“ hinein komponiert wurde. Idee und Objekt sind nun gleichgesetzt. Kunst besteht nicht mehr allein aus dem Sichtbaren, dem konkreten Gegenstand oder einer Installation, das Fiktive wird zu ihrem Bestandteil und ist nicht mehr nur ihre Voraussetzung. Ein Konzentrat dieser Ideen stellt der große Architekturvorhang dar, bestehend aus Schildern mit Landschaften und Bauwerken sowie Zwischengliedern mit Werbe-Plaketten, die mit dem Logo der imaginären Immobilienfirma versehen sind. Gezeigt werden auf den Schildern Werbesprüche und Anzeigentexte vor dem Hintergrund von Landschaften, Grundstücken, Häusern und Stadtbildern. Dabei verfremdet der Text ironisch die bildliche Darstellung, etwa wenn vor einer mit Werbeschildern von MacDonald, Samsung und Burger King zugekleisterten Häuserfassade der Spruch „Architektur ist Kultur. Wir schaffen Kultur zum Wohnen“ zu lesen ist. Die Diskrepanz zwischen Text und Bild, Werbespruch und Realität, Versprechen und Wirklichkeit wird hier ganz augenfällig. Der Slogan wird zur sinnentleerten Anpreisung. Ein anderes Bild verbindet eine fotografische Aufnahme grauer und eintönig gerasteter Fassaden mit der Aufforderung „Jetzt Verkaufsstart. Paradiesisch Wohnen“ und entlarvt damit Werbeangebote. Architektur und Wohnen werden zur Ware. Da etliche der Slogans in fremden Sprachen erscheinen, wird auf den globalen Charakter der Werbekonzepte verwiesen. Das Objekt entfaltet seine Wirkung durch die kleinteilige Fülle der Schilder und Plaketten, es erfährt durch das Hinzufügen neuer Motive stetig Erweiterung und Veränderung. Variabilität ist sein Kennzeichen, nie befindet es sich in seinem endgültigen Zustand. Eine Beschreibung, die insgesamt auf die Arbeiten der Hahns zutrifft.

 

Neben Objekten und Skulpturen nutzen die beiden Künstler auch die Medien für ihre komplexen Installationen: So gehört zu „Immago Real Estates“ – wie es sich für eine Immobilienfirma gehört – eine Zeitschrift mit dem Titel „Immagosphäre“. Im Stile professionellen Unternehmensmarketings wird aus der Zeitschrift der Firmenaufbau ersichtlich, die in aller Welt verstreuten Niederlassungen werden vorgestellt, neue Objekte angepriesen und zufriedene Kunden dürfen sich über ihren Kauf wohlwollend äußern. Bis ins Detail hinein verströmt „Immagosphäre“ die Aura einer gehobenen Ansprüchen genügenden Immobilienzeitschrift, in der es auch nicht versäumt wird dezent auf Erfolge hinzuweisen. Ein Unterschied zu branchenüblichen Firmenzeitungen ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Bildformeln und Sprachhülsen der Unternehmenskommunikation sind in der Zeitschrift perfekt wiedergespiegelt und entlarven damit die Werbemaschinerie. Komplettiert wird die Illusion mit „Immago Real Estates“ eine real existierende Firma vor sich zu haben durch verschiedene Werbefilme, die seit dem letzten Jahr ganz neu entstanden sind. In einer Endlosschleife sind reale Städte und Landschaften mit projektierter Architektur zusammenkomponiert. Wir werden dabei auf eine Reise mitgenommen, auf der wir noch in den entlegensten Winkeln der Welt Wohnobjekte von „Immago“ vorfinden. In rasanten Kamerafahrten und mit schnellen Schnitten wird die Schnelllebigkeit der schönen heilen Warenwelt vor Augen geführt. Untermalt von einem Klangteppich wird dem Betrachter eine Scheinwelt vorgegaukelt, in der Realität und Kunstvorstellung untrennbar miteinander verwoben sind.

 

Perfektioniert wird das alles durch die geschickte Ausstellungs-Präsentation: Wie auf einer Messe werden wir in den Galerieräumen anhand der Installationen, Computeranimationen, der Film- und Tonaufnahmen durch die verschiedenen Firmenbereiche geführt. Konsequent nutzen die beiden Künstler die unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen, Medien, Materialien, um uns von der Existenz ihres Immobilienunternehmens zu überzeugen. Als Betrachter können wir uns auf das reizvolle Spiel von Fiktion und Wirklichkeit einlassen, können unserer eigenen Wunschbilder vom Wohnen und Leben darin wiederfinden.

 

Ruth Bach-Damaskinos

 

 

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